Mediale Dekadenz

Man kann ja von Reich-Ranicki halten, was man will. Ich zum Beispiel halte ihn inzwischen in erster Linie für einen selbstgefälligen alten Grantler, der nicht wahrhaben will, dass er den Zenit seiner Popularität längst überschritten hat. Es gehört schon einiges an Chuzpe dazu, gerade das geschmähte Medium Fernsehen als Plattform seiner vernichtenden Kritik zu nutzen. R.-R. wäre um einiges glaubwürdiger gewesen, wäre er der Veranstaltung von vornherein ferngeblieben. Die seine Eitelkeit streichelnde Medienresonanz wäre ihm trotzdem sicher gewesen. Doch wie recht er im Grunde hat, wird einem jeden Tag aufs Neue schmerzhaft deutlich.

Beispiel Radio:
Früher genügten ein Moderator und ein Nachrichtensprecher, um die geneigte Hörerschaft morgens mit einem aus heutiger Sicht hochinformativen Programm in den Tag zu schicken. Heute sitzen sie in Kompaniestärke in den Morgenstudios, um einem mit gequirlter Kacke das Aufstehen zu vermiesen. Jeder Morgenman, oder wie auch immer er sich beim jeweiligen Sender schimpft, braucht offensichtlich zwingend eine Assistentin, deren einzige Aufgabe darin besteht, viertelstündlich die Wettermeldungen durchzugeben und ansonsten über seine platten Witzchen zu lachen. Und damit nicht genug. Früher hat der Moderator nach den Nachrichten die Verkehrsmeldungen selbst verlesen. Heute schalten sie zu Commander Mark ins Staupilotencenter! Man möchte manchmal schreiend weglaufen.

Der Morgen ist angefüllt mit sinnbefreitem Gesülze, Gewinnspielen für Grenzdebile und maximal zehn bis zwölf Musikstücken in wechselnder Abspielreihenfolge. Der kritische Leser mag jetzt vielleicht anmerken, man könne ja auf einen anderen Sender umschalten, wenn’s einem nicht passt. Schon versucht, aber da geht es leider überwiegend genauso zu. Die Sender sind austauschbar geworden wie Fast-Food-Ketten. Und hat man dann doch mal ein ansprechendes Alternativprogramm gefunden, ist der Empfang gestört :-/

Beispiel Fernsehen:
Ich weiß auch nicht, was mich geritten hat, mir das anzutun. Manchmal bemerke ich bedenkliche Anzeichen von Medien-Masochismus an mir. Die Rede ist vom »Super-Talent«, jener Bohlen-Selbstdarstellungs-Show, mit der RTL die Dietermania zwischen zwei DSDS-Staffeln am Köcheln hält. Ein unbedachter Klick auf der Fernbedienung und plötzlich kriecht da ein bulämischer Schwarzer unterm Tisch herum, während vorn auf der Bühne ein Bekloppter im Leopardenkostüm einen Staubwedel schwingt und sich zum Affen macht. Mal ehrlich, wer wäre da nicht draufgeblieben? Wenige Augenblicke später wird ersichtlich, dass es sich bei dem Kriecher um Modeschwuchtel Bruce Darnell handelt, der nicht etwa dem ebenfalls am Tisch sitzenden Bohlen die Füße leckt, sondern bei dem der Auftritt des Leopardenaffen spontan einen Fluchtreflex ausgelöst hat.

Nach diesem an sich noch ganz amüsanten Einstieg offenbart sich aber dann so langsam das ganze Elend des deutschen Privatfernsehens. Neben Bruce der personifizierte Blondinenwitz, der sich beim ersten gesprochenen Satz auch noch als Holländerin zu erkennen gibt. Bei Bohlen muss, wen wundert es, inzwischen absoluter Jurynotstand herrschen, wenn er sich solche Gestalten an den Tisch holen muss. Ein kurz vor dem Hungertod stehender ehemaliger Model-Trainer mit gewöhnungsbedürftiger Aussprache und ein innen wie außen blondes junges Ding, das sich offensichtlich allein dadurch für die Jury qualifiziert hat, dass sie Ehefrau eines leidlich bekannten Fußballers und Katalog-Modell bei Otto ist. Und als wäre das nicht schon Strafe genug, turnen hinter der Bühne auch noch die beiden RTL-Nervbacken Schreyl und Hartwich rum. Ich sag ja, da braucht es schon eine gehörige Portion Masochismus…

Aber ich will nicht ungerecht sein, es war ja nicht alles schlecht an der Sendung. Zwischen all den offensichtlich aus geschlossenen Anstalten und Versuchslaboren der Pharmaindustrie entlaufenen Bewegungs- und Gesangslegasthenikern gab es auch echte Lichtblicke. Yoyo zum Beispiel, eine mit einer großartigen Stimme und einer entwaffnenden Ausstrahlung gesegnete 13jährige, oder der 12jährige Lucas, der seine Geige beherrscht wie ein Großer und dem man zum perfekten Glück nur noch einen Friseurbesuch wünscht. Oder ein vielversprechendes Tanz- und Akrobatikduo aus Hannover. Das waren die Momente, die so schön hätten sein können… wenn nicht die planlose Regie immer wieder die dämlichen Gesichter der Jury in Großaufnahme gezeigt hätte, statt bei den Künstlern zu bleiben, und wenn nicht das Saalpublikum sämtliche Darbietungen bereits nach kurzer Zeit in einer Kakophonie aus kindischem Geklatsche und debilen Lautäußerungen hätte untergehen lassen.

Diese Sendung ist der Inbegriff dessen, wie heute Fernsehen und Radio funktionieren… Brot und Spiele.

Comments are disabled for this post