Mein wohlverdienter vorösterlicher Kurzurlaub ließ mich in diesem Jahr erstmalig an Mecklenburg-Vorpommerns Ostseegestaden landen, genauer gesagt am Küstenstrich zwischen Wismar und Rostock mit so schönen Seebädern wie Rerik, Kühlungsborn, Warnemünde und – der Klang des Namens erzeugt bereits Ehrfurcht – der »weißen Stadt am Meer« Heiligendamm. Von letzterer gibt es allerlei Skurriles zu berichten, aber dazu später mehr. Vorweg noch dies: Meck-Pom ist eine gute Urlaubsentscheidung, Prädikat unbedingt wiederholungspflichtig. Schöne Strände, weites Land, freundliche Menschen, viel zu sehen, gut zu erreichen. Und die Mecklenburger haben vermutlich nicht darum gebettelt, dass in Heiligendamm so seltsame Dinge vor sich gehen.
Für den Freund maritimer Reize gehört der Besuch der heiligen Stätten deutscher Bäderarchitektur selbstredend zum Pflichtprogramm. Erst recht natürlich der Gral, das erste aller Seebäder, die »weiße Stadt am Meer«. Vorfreudestrahlend rollt der Urlauber also über Land und wähnt sich urplötzlich zurückversetzt in eine Zeit, die keiner ernsthaft mehr zurück haben wollen kann. Mitten auf dem Feld, wenige Kilometer vor Heiligendamm, plötzlich ein endloser Stahlzaun, rund 2,50 m hoch, unten in stabilen Betonblöcken verankert, oben Stacheldraht bewehrt. Hallo? Gibt es nicht schon genug Grenzlandmuseen, müssen die jetzt hier mitten in MV noch eins aufmachen? Aber nein, der aufgeklärte Touri weiß natürlich, dass es sich mitnichten um ein Museum, sondern um die Vorbereitungen des G8-Gipfels handelt, der in eben jenem Heiligendamm im Juni stattfinden wird. Und das sorgt immerhin für überregionale Presse, was ja erstmal nicht schlecht ist, wie der amtliche Touristen-Bespaßer findet. Ob es allerdings das ist, was sich der durchschnittliche Bäderarchitekturtourist wünscht, sei mal dahingestellt.
Aber damit der Enttäuschungen nicht genug. Angekommen, schlammigen Parkplatz gefunden, viel zu hohe Parkgebühr bezahlt, bei der Kurtaxe dann gestreikt, die schlammigen Füsse somit illegal auf die Strandpromenade gesetzt und auf die vielen weißen Häuser gefreut… Lange nicht mehr wurde mir so deutlich vor Augen geführt, wie sehr man Menschen mit gut gemachten und retuschierten Fotos täuschen kann. Die Wahrheit über die weiße Stadt am Meer ist leider folgende: eine Kölner Investoren-Gruppe hat das ganze Ensemble von rund 10 bis 15 Gebäuden vor einigen Jahren gekauft und hochtrabende Pläne damit gehabt. Die sahen in der Tat eine Komplettrenovierung vor, damit verbunden aber eine Aussperrung des normalen Volkes zugunsten der Exklusivität einer zahlungskräftigen Klientel. Nachdem sich die lokale Bevölkerung aus nachvollziehbaren Gründen darüber nicht uneingeschränkt begeistert gezeigt hat, scheint das ganze etwas ins Stocken geraten zu sein, mit der Folge, dass die meisten Gebäude heute mitnichten weiß und strahlend, sondern grau und zerfallen sind. Ausnahme ist der Gebäudekomplex des Grand Hotels, der sich neben der weißen Fassade noch mit einem schönen grünen Zaun kleidet, um unliebsame Besucher auf Distanz zu halten, sozusagen als Vorgeschmack auf die von den Investoren geplante Gesamtlösung.
Das alles hat das älteste Seebad Deutschlands nicht verdient. Man reibt sich als Besucher nur ungläubig die Augen und fragt sich, wie viel Politikerhirn wohl in der Ostsee vor MV treibt, statt in den Köpfen seiner rechtmäßigen Eigentümer seinen Aufgaben nachzugehen.
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