Gestern abend mal wieder Grand-Prix-Vorentscheid. Ehrensache, dass man sich das ansieht, schon aus sentimentalen Gründen. Ist schließlich das letzte Fernsehereignis, das noch aus der guten alten Zeit übriggeblieben ist, als man nur die Wahl hatte zwischen ARD und ZDF oder, als Bewohner des Zonenrandgebietes, vielleicht noch einem Kessel Bunten und Pittiplatsch. Und irgendwie schafft es diese Sendung auch heute noch, als Ereignis von nationaler Bedeutung Gesprächsthema in den Morgennachrichten und an Deutschlands Frühstückstischen zu werden.
Zunächst mal ein großes Lob an Thomas Hermanns. Denn eigentlich war es eine Zumutung, was uns das Erste da gestern abend auftischte: drei kurze Liedchen, mit viel Blabla und diversen recycelten Grand-Prix-Helden vergangener Jahrzehnte aufgebläht zu einer abendfüllenden Sendung. Durch Hermanns’ lockere und von kindlicher Begeisterung geprägte Moderation wurde das ganze erst unterhaltsam und geriet beinahe zur eigenen Karikatur. Wencke Myhre, Siw Malmquist und Gitte Hänning wie die Presswürste in engen Korsagen. Die Kessler-Zwillinge wie Waldorf und Statler auf dem Balkon. Drei Frauen und zwei Schwule auf einem Sofa, und das am Weltfrauentag. Paola bekommt einen Lampenschirm im Design ihrers Grand-Prix-Kleidchens von 1969 und revanchiert sich mit dem Original-Gürtel. Und über allem Hermanns mit seinem breiten Pferdegrinsen. Herrlich!
Ach ja, endausgeschieden wurde dann auch noch. Im Unterschied zum letzten Jahr war die Vorauswahl der Songs diesmal wenigstens nachvollziehbar. Drei völlig unterschiedliche Stilrichtungen, drei völlig unterschiedliche Interpreten, ein echtes Kontrastprogramm auf erfreulicherweise hohem gesanglichen Niveau. Es traten an:
- Der alternde und ziemlich feist um die Wangen gewordene, aber immer noch mit einer unverwechselbaren Stimme ausgestattete Heinz-Rudolf Kunze mit einer eher langweiligen Rock-Pop-Nummer, die meilenweit entfernt war von seiner mitreißenden Musik der 80er.
- Die Girl-Group Monrose, Sieger der letzten Popstars-Staffel, mit einem typischen Girl-Group-Song, nett anzuschauen und auch anzuhören, aber leider ohne jeden Wiedererkennungswert.
- Ein mir bis dato persönlich und musikalisch eher unbekannter huttragender Sänger namens Roger Cicero, der doch tatsächlich mit deutschen Texten zu amerikanischem Swing Erfolg zu haben scheint.
Also, um ganz ehrlich zu sein, ich werde für keines der drei Lieder die CD-Abteilung aufsuchen und mir auch kein MP3 runterladen, weder legal noch illegal. Dass Cicero gewonnen hat, ist ok. Ist halt mal was anderes. In Helsinki wird er vermutlich keine Chance haben, weit vorn zu landen, aber das träfe für seine Mitkonkurrenten gestern auch zu. Wenn’s nach mir ginge, hätten sie Nevio hinschicken sollen. Aber mich fragt ja keiner.
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